Die Entstehung der Neuen Kirchen und die Antwort der
traditionellen Kirchen
Stuart C. Bate OMI, Südafrika
(1997
“Heilungskirchen in der christlichen Landschaft Sudafricas. Die
Entstehung der Neuen Kirchen und die Antwort der traditionellen Kirchen.”
Ordens Nachrichten 36,5: 23-42.)
1. Einleitung
Zwischen 1980 und 1990
sank die Zahl der Christen in Südafrika, die den etablierten Groβkirchen
angehören (gemeint sind hier christliche Konfessionen europäischen Ursprungs,
die sich während der Kolonialzeit in Afrika etablierten, z. B. Methodisten,
Katholiken, Reformierte), um 25% von 12,1 Millionen auf 9,1 Millionen. Im
gleichen Zeitraurn stieg die Zahl der Christen, die Kirchen angehören, die
religiöse Heilung und Gesundbeten anbieten, um 23% von 5,6 Millionen auf 6,9
Millionen. Die Zahl der Kirchen und Bewegungen, die in Südafrika
„Heilung" anbieten, ist explosionsartig gestiegen; alle kulturellen
Gruppierungen im Land sind davon betroffen. Das starke Wachsturn der
Heilungskirchen ist eine der auffallendsten Entwicklungen in der heutigen
christlichen Landschaft Südafrikas (Bate
1991, 57‑58).
Ursprünglich
wurde dieser Bereich von zwei Arten von Heilungskirchen dominiert. Dem Wirken
der einen, der Unabhängigen (Einheimischen) Afrikanischen Kirchen (AIC), liegen
die traditionellen afrikanischen kulturellen Werte zugrunde (Bate 1995, 114).
Die andere orientiert sich nach postmodernen, westlichen kulturellen Werten.
Der Autor hat in anderen Publikationen schon darauf hingewiesen, daß die
Unterschiede zwischen diesen zwei Kulturkreisen nicht so groß sind, wie man
vielleicht meinen mag (Bate 1995, 253;
263).
Da dies in einem Kontext organischer Natur stattfindet (die Menschen leben
in einer Gemeinschaft zusammen), können wir erwarten, daß diese Heilungsarbeit
Auswirkungen auf die ganze Kirchengerneinschaft hat. Das Ziel dieses Referats
ist es, diese Auswirkungen zu untersuchen. Die zu behandelnde Frage ist einfach:
Wie haben sich das Wirken, die Anwesenheit und das schnelle Wachstum der Heilungskirchen
in den letzten Jahrzehnten auf das Bewußtsein und die Vorgangsweise der großen
Kirchen ausgewirkt? In diesem Zusammenhang stellt sich eine zweite Frage:
Bestehen schon Zusammenhänge innerhalb dieser Kirchengemeinschaft, oder sind
die neuen Kirchen tatsächlich „Sekten", wie sie oft genannt werden, was
heißen würde, daß ihre Mitglieder sich von den anderen Kirchen getrennt und
keine Beziehung mehr zu ihnen haben? Sind die Kirchen wirklich so unabhängig
voneinander, wie sie oft behaupten?
Durch eine Untersuchung dieser Ausuwirkungen vom Standpunkt der großgen Kirchen
aus können wir erkennen, inwiefem die Trägheit, die diesen Kirchen aufgrund
ihrer langen Tradition eigen ist, ihre Antwort auf diese Entwicklungen beeinflußt.
Und da die römisch‑katholische Kirche der Tradition und Geschichte viel
Bedeutung beimißt, sollte bei ihr der Einfluß dieser Trägheit besonders
ausgeprägt sein. Eine Untersuchung des Bewußtseins und der Heilungspraktiken
der großen Kirchen sollte daher entscheidende Hinweise auf die Zusammenhänge
innerhalb der kirchlichen Wirklichhkeit der Glaubensgemeinschaft in diesem
afrikanischen Kontext liefern.
Ziel der folgenden Untersuchung ist es, den Einfluß der Heilungskirchen auf
die Methodik und das Bewußtsein der großgen Kirchen bezüglich des eigenen Heilungsauftrages
festzustellen.
2. Heilung
in den christlichen Kirchen Südafrikas:
Die aktuelle Situation
2.1 Zahlen aus der Volkszâhlung
Quelle dieser Zahlen ist
das South African Christian Handbook 1993/94 von M. Froise. Die Volkszählung in Südafrika mußte Zahlen liefem, die
laut dem Apartheidsystem politisch korrekt waren. Das heißt, daß sie unter
anderem durch die Nichtberücksichtigung der vom ehemaligen Regime ais „unabhängige
Staaten" betrachteten Bantu‑Homelands an Genauigkeit einbüßen.
2.1.1 Gesamt
|
|
Volkszählung 1980 |
Volkszählung 1990 |
|
Gesamtbevölkerung |
24,5 Mio |
26,5 Mio |
|
Christen |
19,4 Mio |
17,2 Mio |
|
Ohne Bekenntnis
} |
|
|
|
Keine Antwort
} Antwort verweigert } |
3,7 Mio |
7,7 Mio |
2.1.2 Christen
|
Christen |
19,4 Mio |
17,2 Mio |
|
A. Die großen Kirchen (= die
Verlierer) |
|
|
|
Reformierte |
3,5 Mio |
2,8 Mio |
|
Rômisch‑katholische |
2,4 Mio |
2,0 Mio |
|
Methodisten |
2,2 Mio |
1,6 Mio |
|
Anglikaner |
1,6 Mio |
1,0 Mio |
|
Lutheraner |
0,9 Mio |
0,7 Mio |
|
Sonstige |
1,5 Mio |
1,0 Mio |
|
|
12,1 Mio |
9,1 Mio |
|
|
|
|
|
B. Heilungskirchen (= die
Gewinner) |
|
|
|
Einhrimische afrikanische Kirchen (AIC) |
|
|
|
Zionistische chrisliche Kirche (ZCC) |
0,5 Mio |
1,3 Mio |
|
Sonstige AIC |
4,7 Mio |
4,6 Mio |
|
Sonstige christliche Kirchen |
0,4 Mio |
1,0 Mio |
|
|
5,6 Mio |
6,9 Mio |
|
|
|
|
|
C. Von
Pfingst-bzw.Baptistenbegegungen |
gegründete christliche |
Kirchen |
|
|
1,7 Mio |
1,2 Mio |
2.1.3 Kirchenzugehörigkeit nach ethnischer Gruppe
Als Beispiele der herrschenden Trends werden drei Kirchen angeführt. Die
katholische Kirche ist ein Beispiel für die Änderung in der ethnischen
Zusammensetzung der Gemeinde. Die AIC‑Gruppe ist ein Beispiel für die
Heilungskirchen, deren Werte der afrikanischen Kultur entspringen. Die Gruppe
„sonstige christliche Kirchen" vertritt die Heilungskirchen, die sich
an postmodemen, westlichen (hauptsächlich US‑amerikanischen) kulturellen
Werten orientieren.
a)
Die katholische Kirche: eine Verliererin
|
Zugehörigkeit
nach ethnischer Gruppe
1980
1990
Verlust (in Prozent) Weige
390.000
280.000
‑28 Farbige
266.000
210.000
‑21 Asiaten
21.000
12.000
‑43 Schwarze
1,700.000
1,500.000
‑12 |
b)Sonstige christliche Kirchen: Gewinner
|
Zugehörigkeit
nach ethnischer Gruppe
1980
1990
Gewinn (in Prozent) Weißge
120.000
215.000
+80 Farbige
120.000
275AOO
+130 Asiaten
16.000
52.000
+225 Schwarze
150.000
500.000
+233 |
c)
Unabhängige (Einheimische) afrikanische Kirchen, einschließlich der ZCC
|
Zugehörigkeit
nach ethnischer Gruppe 1980
1990 Verânderung
(in Prozent) Weißge
0
7.000 Farbige
80.000
44.000
‑45 Asiaten
0
4.600 Schwarze
5,100.000 6,800.000
+33 |
2.2 Bemerkungen zu der Statistik
2.2.1 Die Gefahr der Statistik
Wâhrend eine solche
Statistik nützlich sein kann, müssen die folgenden Punkte bei der
Interpretation berücsichtigt werden:
a)
Eine Statistik zeigt nur Trends auf und darf nicht als absoluter
Richtwert betrachtet werden; man muß mit
starken Abweichungen
rechnen.
b)
Die zunehmende Säkularisation führt dazu, daß viele nominefl Gläubige,
die früher den traditionellen
Konfessionen angehörten,
1990 „ohne Bekenntnis" angaben, keine Antwort eintrugen oder eine
Antwort verweigerten. Dies könnte erklären, warum die Zahl der Mitglieder der
großen Kirchen so stark abgenorrimen hat.
c) In der Rubrik
„Konfessionen" werden in der Volkszählung die neuen Kirchen nicht berücksichtigt.
In den achtziger Jahren entstanden viele Kirchen, die meistens amerikanischen
Pfingstkirchen und fundamentalistischen Strömungen nahestehen. In den VoIkszählungen
von 1980 bzw. 1990 wurden diese Kirchen pauschal in die Rubrik „sonstige
christliche Kirchen" eingeordnet. Trotz dieser Vorbehalte zeigen diese
Zahlen wichtige Trends im christlichen Leben Südafrikas, die zur Kenntnis
genommen werden müssen.
2.2.2 Sichtbare Trends
Die Statistik deutet auf
folgende Trends im christlichen Leben Südafrikas:
1. Die Zahl der Südafrikaner,
die sich als religiös bezeichnen, nimmt deutlich ab: Von 7,7 auf 3,7 Millionen.
2. Die christlichen
Kirchen, die die schneliste Wachstumsrate aufweisen, sind alles Kirchen, die Heilung
anbieten. Ich nenne sie Coping‑Healing‑Kirchen,
weil die von ihnen angebotene Heilung oft mit Techniken zur Überwindung von
Streß verbunden wird, dessen Ursache in persönlichen, kulturellen und
sozialen Problernen zu finden ist. Dieser Streßg äußert sich oft als Symptom
einer Krankheit.
3. Es gibt hauptsächlich
zwei Arten von Heilungskirchen: a) Die Unabhängigen afrikanischen Kirchen,
deren kultureller Gehalt weitgehend auf afrikanischer Tradition basiert. In
der Volkszählung heißen diese AIC.
b) Neopfingstkirchen,
deren kultureller Gehalt weitgehend auf postmoderner, westlicher Kultur basiert,
die besonders in den USA anzutreffen ist. In der Volkszählung heißen diese
„sonstige Kirchen".
4. Beides sind Kirchen,
in deren Kult, Struktur und Glaubensmuster kulturelle Aspekte eine große Rolle
spielen. Beide sind als Reaktion auf das moderne, kulturelle Christentum des
Westens gedacht, das hauptsächlich von den traditionellen, großen Kirchen
vertreten wird.
5. Der wichtigste
kulturelle Aspekt dieser Reaktion ist die Heilung, die im modernen westlichen
Christentum der Schulrnedizin weichen mußte.
2.3 Beschreibung der
Arten der Heilung in diesen Kirchen
2.3.1 Heilungsmessen in den AIC. Viele Heilungsmessen in den AIC beginnen um zirka 21 Uhr am Sarnstagabend
und dauern bis zum Sonnenaufgang. Eine typische Messe läuft folgendermaßen
ab:
1. Grußworte und Erklärung
der Aufgabe, die erfüllt werden soll. 2. Begrüßung von Teilnehmern, besonders
von Gästen. 3. Gebet. 4. Predigt/Lobgesang. 5. Heflungszyklus.
2.3.2 In einer „sonstigen christlichen Kirche":
Heilung im Rahmen des „Glaubensfeldzuges des Wunderzeltes". Eine typische Messe dieser Art läuft folgendermaßen ab: 1. Singen und
Aufbau der Begeisterung. 2. Gebet und Opfer. 3. Lesung und Predigt. 4. „Aufruf
vom Altar", Jesus das Leben zu widmen. 5. „Heilungsmessen".
2.3.3 Individuelle Heilung.
Außer den Heilungsmessen bieten diese Kirchen auch individuelle Heilung, die
auf den kulturellen Vorlieben der Gläubigen basiert. AIC: Ein
Prophet/Umkhokeli/Umthandazi/Gebetsfrau wird aufgesucht. Beratung (in anderen
christlichen Kirchen) ‑ Gesundbeten ‑ Gebetskreise mit Schwerpunkt
Heilung. Erster Schritt: Gespräch, zweiter Schritt: Diagnose oder
Beurteilung, dritter Schritt. Wahl des Gebets, vierter Schritt: Einsetzen des
Gebets, fünfter Schritt. Orientierung nach dem Gebet.
2.4 Wie sie selbst ihre
Aktivitäten sehen
In zahlreichen Büchem schildern Angehörige der Heilungskirchen ihr Verständnis
ihrer Heilungsarbeit. Hier die Meinungen einiger der bekannteren Mitglieder der
Heilungskirchen in Südafrika:
McCauley (1988, 48): Die Gabe der Heilung ist für die übernatürliche
Heilung von einer Krankheit bestimmt, ganz ohne natürliche Mittel. Sie wird die
Gabe der Heilung genannt, weil es Unterschiede und verschiedene Methoden der
Verabreichung gibt. Wir glauben an Ärzte, wir glauben an Krankenhäuser und
haben überhaupt nichts gegen sie einzuwenden, aber es muß uns klar sein, daß
die Gabe der Heilung vollkommen übernatürlich ist. Für diejenigen, die diese
Heilungsarbeit leisten, gibt es zwei wesentliche Schritte: Die Verkündung des
Wortes und der Glaube.
Bonkke:
Reinhard Bonkke (1989, 84) meint: „Er heilt nur, wenn man die Heilung
predigt. " Dies erklärt er wie folgt: Wir verkünden Jesus Christus, den
Heiler. Unser Vorbild ist der Herr, der Freiheit verkündete und uns zeigte, was
Freiheit ist, indem er die Kranken heilte... Einige dachten, daß die Heilung
nur eine Nebenwirkung, ein Anhängsel am Evangelium sei. Nein! Es ist ein
Bestandteil der Botschaft... Christus ist der Heiler, und seine Heilung berührt
jeden Aspekt des menschlichen Lebens, die Seele, den Körper, den Geist und
die Umstände.
Heilung urnfaßt auch die Vollmacht, Dämonen auszutreiben. Manchmal können
Dämonen der direkte Auslöser von Krankheit oder Depression sein. Nicht jede
Krankheit oder Schwäche ist auf Dämonen zurückzuführen (Bonkke 1989, 90‑91).
McCauley (1985, 49) pflichtet Bonkke bei, daß, als erstes die Heilung verkündet
werden muß, hebt aber auch den zweiten Schritt hervor, nämlich die Wichtigkeit
des Glaubens bei der Heilung: „Man kann Lesungen über Heilung, Erlösung und
Heil aus dem Wort Gottes hören, aber wenn diese nicht mit dem Glauben in
Verbindung gebracht werden, helfen sie überhaupt nichts" (S. 98).
Shembe:
Die Darlegung von J. G. Shembe betont ebenfalls den Glauben an Jesus und die
mysteriöse Macht Gottes, besonders durch Handauflegung zu heilen. Wir können
es nicht erklären. Wir glauben, daß jeder einen Christen durch die
Handauflegung heilen kann, vorausgesetzt, daß der Glaube des Handauflegers an
Gott und Jesus Christus fest genug ist. Der ganze Begriff der Heilung stammt aus
der Lehre Jesu Christi: Geht hinaus in alle Welt, und verkündet das Wort, legt
den Kranken eure Hände auf; wenn sie glauben, werden sie geheilt. Ich kann den
wisssenschafflichen Erklärungen für dieses Gesundbeten keinen Glauben
schenken; es ist ja unmôglich. Wir tun es blind. Es ist eine Frage des
Glaubens. Ich bin überzeugt, daß jeder, dessen Glaube an Jesus Christus fest
genug ist, ein Heiler ist, egal ob es sich um ein Kind oder einen älteren
Menschen handelt. Aber wenn wir anfangen, zu sagen, daß wir wissen, was wir
tun, dann ist kein Glaube und kein Christus dabei (Becken
1989, 236).
2.5 Einige Parallelen zwischen den AIC und den „anderen christlichen
Kirchen"
Wir können einige
Parallelen zwischen den zwei Arten von Heilungskirchen erkennen. Sie lassen
uns erahnen, daß, obwohl die beiden Kirchen in verschiedenen kulturellen
Kontexten wirken, die gleichen grundlegenden Prozesse stattfinden. Die
Parallelen sind wie folgt:
1. Das Gefühl, im Reich des Obernatürlichen zu sein.
2. Die Kranken dürfen
ihre Krankheit in irgendeiner Art und Weise (z. B. durchein Gespräch, durch
ihre Zustimmung zur Diagnose, durch einen Tanz oder andere körperliche
Bewegungen) zurn Ausdruck bringen.
3. Eine Diagnose,
Prophezeiung oder Beurteilung der Krankheit findet unter Berufung auf die
Macht Gottes statt.
4. Bei Krankheit spielen
Sünde, Dämonen, Gefühle, Beziehungen und Emotionen alle eine Rolle.
5. Die Wichtigkeit der
Verkündigung des Wortes Gottes und die Anerkennung seiner Macht durch den
Glauben.
6. Das Gebet, das die
Genesung herbeiführen soll, wird normalerweise von einer körperlichen Geste
oder Tätigkeit (Handauflegung, sich im Kreis drehen und tanzen usw.)
begleitet. Die Handauflegung ist besonders wichtig.
7. Die Anwendung von
Mitteln und Gegenständen wie Weihwasser, Schnüre, Tücher, Vaseline,
Reinigungsmittel, Kerzen usw., die besonders, aber nicht ausschließlich von
Heilem eingesetzt werden, deren Wirken der afrikanischen Kultur entspricht.
Das Verständnis, das die Heiler von diesem Prozeß haben, zeigt, daß es in
den verschiedenen Heilungskirchen viele Gemeinsamkeiten gibt und daß ihr Wirken
von Geheimnissen urnwittert ist.
2.6 Persônliche
Erfahrung von Heilung
Medizinisch belegbare Fälle
von Heilungen in den Heilungskirchen sind selten. Es existieren aber zahlreiche
subjektive Aussagen von Zeugen, die von ihrer Heilung sprechen. Hier einige
Beispiele:
2.6. 1 Mitglied der Apostolischen zionistischen Kirche:
„ Ich war krank, und meine Familie schickte mich zum
Propheten Mbatha, der jetzt Erzbischof ist. Er betete für mich. Sie reichten
mir Wasser,Iziwasho'. Ich war sofort geheilt und beschloß, dem Herrn zu
folgen" (Msorni, 1967, 69).
2.6.2 Rherna: „Eines Nachts, als
Sandy Brown die Predigt hielt, wurde ein Drogenabhângiger hineingebracht. Während
der Predigt hörten wir ein lautes Geräusch und sahen einen Mann, der am Boden
lag. Es war der Drogenabhängige. Gott hatte ihn glatt umgestoßen... Als er
wieder aufstand, rief er: „Ich bin erlöst und befreit! Ich bin geheilt, ich
bin frei!"' (McCauley, 1985,
180).
2.6.3 Katholischer Charismatiker: „Wegen eines verschobenen Rückenwirbels
und eines Bandscheibenschadens litt ich unter unerträglichen Schmerzen. Ich
konnte nur im Sitzen schlafen, und mir mußte in der Früh aus dem Bett geholfen
werden. Die Ärzte sagten, daß eine Rückenoperation die einzige Möglichkeit
sei. Dann erfuhr ich, daß es in Stanger (einer Stadt in Südafrika) einen Arzt
gibt, der durch Gebet und Handauflegung heilt, und man riet mir, ihn
aufzusuchen. Er war praktischer Arzt und untersuchte mich. Er bestätigte die
Diagnose des anderen Arztes, sagte aber, daß er mich durch die Macht des
Glaubens an den Herrn Jesus Christus heilen konnte. Ich war damit einverstanden,
woraufhin er mir die Hände auflegte und für mich in fremden Zungen betete. Während
des Gebets spürte ich ein Zittern und Prickeln im Rücken, und es wurde mir
dort heiß. Als er mit dem Gebet fertig war, bat er mich, aufzustehen und bei
gestreckten Beinen die Zehen zu berühren. Ich hatte dies seit Jahren nicht mehr
können, aber ich versuchte es vorsichtig und fand, daß ich es konnte. Als ich
mich wieder aufrichtete, gab es keine Schmerzen, und seit dem Tag kann ich
wieder normal schlafen. In Durban ging ich wieder zu meinem Arzt, der Röntgenbilder
von meiner Wirbelsäule machte und mir sagte, daß sie wieder in Ordnung und der
Bandscheibenschaden behoben sei. Ich habe seitdem überhaupt keine Probleme
damit gehabt" (Persönliche Aussage dem Referenten gegenüber).
2.7 Wenn keine Heilung stattfindet
Bei weitem nicht alle,
die sich an solche Heiler wenden, werden tatsächlich geheilt. Ich habe mit
vielen Menschen gesprochen, die an einer Heilungsmesse teilgenommen oder einen
Heiler aufgesucht haben, in der Hoffnung auf eine Heilung, die dann doch nicht
eingetreten ist. Einer sagte bei einer Messe vor der versammelten Gemeinde, daß
das Hörvermögen in seinem gehörlosen Ohr wiederhergestellt sei. Als ich
mich aber später mit ihm unterhielt, gab er zu, daß es keine Verbesserung
gegeben hat; in der Aufregung des Augenblicks hatte er aber das Gefühl gehabt,
de sein Hörvermögen wiederhergestellt worden sei.
Viele
werden ihrer Illusionen beraubt, verlassen die Kirche und geben in manchen Fällen
die Religion überhaupt auf (sie werden Teil der Gruppe, die „ohne
Bekenntnis" angibt). Viele Seelsorger in den großen Kirchen berichten, daß
sie Personen oft mit Trost und Rat beistehen müssen, die in den
Heilungskirchen keine Heilung erfahren haben.
Von
manchen Ärzten wird das Ganze überhaupt als Schwindel betrachtet. Sie sind überzeugt,
daß gar keine Heilung stattfinclet und de die Heilungspraktiken bestenfalls
eine Illusion und schlimmstenfalls ein Betrug sind, um den Leuten das Geld aus
der Tasche zu locken. Desmond Stumpf, Arzt seit 1966 und seit 1972 ,,dem Herm
Jesus Christus hingegeben", hat eine „ausführliche Studie über Heilungsarbeit"
durchgeführt (Stumpf 1986, 215) und
hat mit vielen Menschen gesprochen, die behaupten, geheilt worden zu sein. Er
ist zum SchIuß gekommen, daß keine der Personen, deren Aktivitäten er
erforscht hat, die Fähigkeit besitzt, durch ein biblisches Wunder zu heilen,
und daß ein gerichtliches Verfahren gegen sie eingeleitet werden sollten wegen
Irreführung der Öffentlichkeit, seelischer Quälerei und Abnahme von
Geldbeträgen von Menschen, die sich solche Summen kaum leisten können.
Sogenannte „Wunderheilungen" finden nur im psychosomatischen, aber nicht
im körperlichen Bereich statt (S. 217).
3. Das Phânomen der
Heilungskirchen
3.1 Was wir sehen
Was wir in den
Heilungskirchen sehen, ist eine vielseitige, mit Begeisterung durchgeführte
und wirksame Form der Seelsorge, die in allen von uns untersuchten Bereichen der
christlichen Kirche tätig ist. Diese Form der Seelsorge findet so großen
Anklang bei Gläubigen, weil sie einem erkannten Bedürfnis der Bevölkerung
gerecht wird.
Da es genug Menschen
gibt, die bereit sind, Zeugnis für ihre Heilung abzulegen, werden immer mehr
Mitglieder angelockt. Die Heilungspraktiken beginnen jetzt auch in den
traditionellen großen Kirchen Fuß zu fassen und sind in allen Bevölkerungsgruppen
in der multikulturellen Gegend um Durban/Pietermaritzburg in Natal zu finden, wo
sie sich der kulturellen Tradition der jeweiligen Gruppe anpassen.
3.2 Kulturelle/religiöse Heilung in der Anthropologie
Die medizinische
Anthropologie unterscheidet zwischen der Heilung einer Krankheit vom
medizinischen Standpunkt aus und der Heilung einer Krankheit als einem
psychosozialen Prozeß, der in der menschlichen Kultur verwurzelt ist. Unter Heilung
vom medizinischen Standpunkt aus wird ein biologischer Prozeß verstanden, der
der wissenschaftlichen Methode der nachgewiesenen, wiederholbaren Heilung
entspricht. Die Heilung einer Krankheit als psychosozialer Prozeß bedeutet, daß
eine Umwandlung des Verständnisses des Krankseins des Individuums oder der
Gemeinschaft stattfindet. Da dies ein menschlicher Prozeß ist, geht er über
die wissenschaftlichen Prozesse hinaus, kann diese aber beinhalten. Er ist
immer etwas subjektiv, weil der Erkennungsprozeß vom Individuum oder der
Gemeinschaft ausgeht (siehe Kleinman
1980).
3.2.1 Die Umwandlung des
Krankseins in das Gesundsein
Kulturelle und religiöse
Heilung fällt in die Rubrik der Heilung als psychosozialer Prozeß und macht
Folgendes:
a) Sie wandelt Kranksein in Gesundsein um
‑ auf dem Niveau des Verständnisses/des Bewußtseins;
‑ auf dem Niveau
der Emotionen (d. h. eine Änderung der Gefühlslage, die es einem ermöglicht,
das Gesundsein zu "spüren");
‑ auf dem
organischen Niveau kann sie das Einsetzen körperlicher und chemischer Prozesse
veranlassen, die das Gesundsein durch psychosomatische oder andere Mechanismen
(z. B. endokrine Drüsen) fördern.
b) Diese Änderungen
finden im individuellen/zwischenmenschlichen und im gemeinschaftlichen und
sozialen Bereich statt. Individuell: Änderungen in der Gefühlslage und der
Auffassung. Zwischenmenschlich: Die wichtigen zwischenmenschlichen Beziehungen
müssen wiederhergestellt werden. Gemeinschaftlich‑ Eine Gemeinschaft
ist erforderlich, die das Gesundsein bestätigt, das Gesundsein aufrechterhält,
ein/e Weltbild/Ideologie vertritt, die das Gesundsein untermauert (z. B. die
Zionisten, die Pfingstkirche).
c) Das alles ermöglicht
die Funktion der psychosomatischen Mechanismen, die dann zu einer Änderung
der äußeren Symptome führt (die Kopfschmerzen, Taubheit, Blindheit usw.
verschwinden).
d) Religiöse Heiler haben entweder intuitiv oder empirisch Erfahrung in der Veranlassung dieser Umwandlung gesammelt.
e)
Sie verwenden viele Methoden, wovon einige
unten analytisch dargelegt werden.
3.2.2 Behandlung der Krankheit
Um die Krankheit richtig
behandeln zu können, müssen als erster Schritt die Ursachen festgestellt werden.
Die meisten Krankheiten haben mehr als eine Ursache: Körperliche, chemische,
psychologische, kulturelle, soziale und spirituelle Faktoren können alle eine
Rolle spielen und sind miteinander verbunden. Eine wirksame Behandlung muß also
alle Faktoren berücksichtigen, die der Krankheit zugrunde liegen. Westliche
Heilungsmethoden haben den Nachteil, daß sie sich nur auf biologische
Faktoren konzentrieren. Finden westliche Heiler keine biologische Ursache für
die Krankheit, können sie sie nicht heilen, erkennen sie die Krankheit nicht
oder halten sie nicht für eine Krankheit. Religiöse Heilung hingegen beschäftigt
sich eher mit den psychologischen, emotionellen, kulturellen, sozioökonomischen
und spirituellen Ursachen einer Krankheit. Aus diesem Grund ist sie oft in einer
Gesellschaft wirkungsvoll, wo solche Faktoren zu den dort üblichen
medizinischen Praktiken nicht zählen und folglich nicht behandelt werden.
4. Die AusvArkungen der Heilungskirchen auf die großen K irchen
4.1 Methode
Wie hat sich das Wachstum
der Hellungskirchen auf das traditionelle Christentum in Südafrika ausgewirkt?
Wir versuchten diese Frage auf zwei Ebenen zu beantworten. Auf der ersten,
eher oberflächlichen Ebene wurden die Priester und Seelsorger aus drei
traditionellen Kirchen in Durban‑Pietermaritzburg in einem einfachen
Fragebogen über die von ihnen geleistete Arbeit im Bereich der Heilung, die Änderungen,
die diese Arbeit in den vorhergehenden Jahren erlebt hat, und die Auswirkungen
der Heilungskirchen auf ihre Theologie und Heilungsarbeit befragt. Die Umfrage
wurde zweimal, 1991 und 1996, durchgeführt. Dadurch konnten Informationen über
einen Zeitraum von 15 Jahren gesammelt werden. Auf der zweiten, ausführlicheren
Ebene wurden neun Priester einer traditionellen Konfession, der römisch‑katholischen
Kirche, über ihre Gedanken und Meinungen zu Heilung im allgemeinen und zum
Einfluß der Heilungskirchen auf diesen Bereich befragt. Jedem Priester wurden
die gleichen neun Fragen gestellt.
Diese Studie ermöglicht uns also einen Zugang sowohl zu den diachronen als
auch zu den synchronischen Dimensionen des Phänomens. Der Fragebogen liefert
uns einen Oberblick über das, was in diesem Zeitraum in der Praxis passiert
ist, d. h. über die Änderungen im Arbeitsbereich der Heilung. Durch die
Interviews kamen wir zu einem tieferen Verständnis der Einstellung und der
Ansichten von Seelsorgem in den großen Kirchen gegenüber dem Heilungsauftrag.
Die Komplexität von Phänomenen, die aus einem Zusammenhang heraus entstehen,
und die Notwendigkeit von interdisziplinären Fähigkeiten, um deren Entwicklung
zu verstehen, wurden anderswo erörtert (Bate
1995, 25‑26). Diese Studie muß also als Einführung in das Thema
betrachtet werden, die die Phänomene nur in groben Zügen darstellen kann. Wir
beanspruchen kein fundiertes Wissen, wollen vielmehr auf erste Ergebnisse
hinweisen, die zu einer wertvollen kontextueflen Missiologie offensichtlich
einer viel ausführlicheren interdisziplinären Studie bedarf. Die jetzige
Studie soll nur als Wegweiser dienen. Sie ist eine Voruntersuchung.
4.2 Die
Ergebnisse der Umfrage per Fragebogen
4.2.1 Die Umfrage von 1991
Heiler und
Heflungsaktivitäten hat es innerhalb der großen Kirchen immer gegeben,
obwohl dieser Auftrag oft diskret durchgeführt wird, besonders in den schwarzen
Gemeinschaften, weil es deswegen Schwierigkeiten mit den kirchlichen Behörden
gegeben hat (Bate 1995, 47). (Als
"schwarz" gelten hier Menschen schwarzafrikanischer Herkunft in Südafrika:
Abantu/Batho, und nicht jene Afrikaner, die in der Vergangenheit oft als Inder
oder Farbige bezeichnet wurden oder der Volksgruppe des Khoisan angehören.) Wir
hatten aber den Eindruck, daß es in den großen Kirchen ein wachsendes Bewußtsein
für Heilung und eine höhere Bereitschaft gibt, in diesem Bereich zu wirken,
und wir wollten die Richtigkeit dieses Eindrucks überprüfen. Zu diesem Zweck
wurde ein Fragebogen erstellt und an Seelsorger und Priester in den drei größten
Kirchen (anglikanische, methodistische und rörrrisch‑katholische Kirche)
in der Gegend um Durban‑Pietermaritzburg geschickt.
Der Fragebogen wurde über die katholische Erzdiözese Durban, die anglikanische
Diözese Natal und den Natal Coastal District der methodistischen Kirche ausgeschickt.
In diesem Referat werden nur die Ergebnisse angegeben, die für die Studie
relevant sind. Von den 184 ausgeschickten
Bögen wurden 68 (37%)
ausgefüllt retourniert, was als ausreichende Basis für Schlußfolgerungen
gilt. Da anzunehmen ist, daß die Antworten eher von jenen Seelsorgem stammen,
die mehr Interesse an der Heflungsarbeit haben, mehr damit zu tun haben oder in
diesem Bereich schon tätig sind, würde man Antworten erwarten, die der Heilung
eher positiv gesinnt sind. Diese positive Neigung sollte aber keine Beschränkung
der Gültigkeit von allgemeinen Schlüssen darstellen, weil die Umfrage einen so
hohen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung repräsentiert.
Während des Zeitraumes 1980‑1991 erhielten de drei Kirchen eine höhere
Zahl von Anfragen nach Heilung. Alle begannen, Heilungsaktivitäten verstärkt
in ihre seelsorgerische Arbeit aufzunehmen, und alle verloren Mitglieder an die
Heilungskirchen, obwohl alle die Zahl dieser verlorenen Mitglieder als eher
geringfügig betrachteten.
Die Antworten auf die Frage, welche Maßnahmen gegen die von den
Heilungskirchen gestellte Herausforderung ergriffen wurden, waren gemischt.
Zwischen 30% und 50% der Seelsorger
hatten eine Herausforderung erkannt und entsprechende Schritte unternommen.
Andere hatten die Heilungskirchen nicht als Herausforderung gesehen oder keine
Schritte unternommen.
4.2.2 Die Umfrage von 1996
Ende 1995 und Anfang 1996
wurde der Fragebogen ein zweites Mal ausgeschickt. Dieses Mal erhielten wir mehr
Antworten von Anglikanern (38 gegen 18 im Jahr 1991), während die Zahl der
Antworten von den anderen beiden Konfessionen ungefähr gleich blieb. Die Frage
bezüglich der Zahl der Anfragen nach Heilung wurde umformuliert und bezog sich
nun auf die letzten fünf Jahre anstatt auf die letzten zehn, um die Entwicklung
seit dem letzten Fragebogen feststellen zu können. Alle anderen Fragen
blieben unverändert. Es zeigte sich, daß die Anfragen nach Heilung weiterhin
gestiegen waren, in der katholischen Kirche allerdings weniger stark. Alle
drei Kirchen gaben an, daß sie in den fünf Jahren seit 1991 mehr Arbeit im
Bereich Heilung geleistet hatten. Diese Entwicklung war bei den Anglikanem
besonders stark ausgeprägt.
Es gab vier bedeutende Änderungen in der Heilungsarbeit. Erstens fanden
mehr Krankenbesuche statt, und Laien wurde bei dieser Arbeit eine größere
Rolle zugeteilt. Zweitens waren mehr Gebetskreise oder Gruppen gegründet
worden, die sich hauptsächlich mit Heilung in der Gemeinde beschäftigten.
Drittens wurden mehr Heilungsgottesdienste abgehalten. Diese Änderungen waren
auch alle in der Umfrage aus dem Jahr 1991 festgestellt worden. Neu war dieses
Mal, daß mehr Wert auf Aufklärung über die wahre Natur der Heilung gelegt
wurde. Viele Seelsorger aus den Großkirchen fanden die Versprechen und
Erfahrungen von religiöser Heilung übertrieben und oft irreführend. Sie
stellten fest, daß es unter ihren Gläubigen Aufklärungsbedarf gab. Dies war
eine neue Antwort.
Die Angaben der Seelsorger zeigen, daß von 1991 bis 1996 die Großkirchen
weiterhin Angehörige an die Heflungskirchen verloren haben. Wie in der vorhergehenden
Umfrage hielt sich die Zahl aber in Grenzen. In der katholischen Kirche wurde
eine höhere Zahl von verlorenen Angehörigen festgestellt, und in 20 Prozent
der Antworten wurde die Zahl als "besorgniserregend" bezeichnet. In
beiden Umfragen war ein Verlust an Mitgliedern eher den katholischen Priestern
aufgefallen. 1991 waren es 74%, 1996 62% von ihnen, die von einem solchen
Verlust berichteten. Bis 1996 schien sich dieser Trend aber etwas zu
verlangsamen, denn 1996 gaben 21% der Katholiken, die Antworten retournierten,
keinen Verlust an die Heilungskirchen in den letzten fünf Jahren an, im
Vergleich zu nur 7% im Jahr 1991. Im Gegensatz dazu meldeten 50% der Anglikaner
1991 keinen Verlust; fünf Jahre später waren es 55%. Die Methodisten liegen
irgendwo dazwischen. Möglicherweise spielen hier ethnische Unterschiede eine
Rolle.
Die Umfrage aus dem Jahr 1996 bestätigte, daß die Antwort auf die Herausforderung
der Heilungskirchen hauptsächlich die Form von verstärktem Gebrauch von
Heilungsgottesdiensten, Gebetskreisen sowie Katechese und Aufklärung über
Heilung nahm.
Ein deutlicher Unterschied zwischen den Antworten einiger Methodisten und
Anglikaner auf der einen und den Antworten der Katholiken auf der anderen Seite
kam an den Tag, wenn es um die Frage ging, ob die Heilungskirchen überhaupt
eine Herausforderung darstellen oder nicht. Die Katholiken hielten die
Entstehung
einer anderen Art der
Seelsorge und anderer Kirchen für eine Herausforderung an sich (was der
katholische Referent auch ungewollt angenommen hatte). Wahrscheinlich spiegelt
diese Antwort eine typisch katholische Einstellung wider, die Zersplitterung und
die Entstehung neuer Kirchen a priori
als Herausforderung sieht. Einige Methodisten und Anglikaner hinterfragten die
Hintergründe dieser Frage und antworteten, daß die Entstehung solcher Kirchen
und Arten der Seelsorge nicht unbedingt eine Herausforderung sein muß. 37% der
Anglikaner und 32% der Methodisten bemerkten in ihren Antworten ausdrücklich,
daß Herausforderungen nicht von anderen Kirchen, sondern von Gott, Jesus
Christus und der Bibel stammen. Ein ähnlicher Kommentar war unter den
Antworten der Katholiken nicht zu finden.
4.3 Ergebnisse der Interviews
Der zweite Teil dieser
Studie versuchte, die Einstellung und Ansichten der Seelsorger der großen
Kirchen bezüglich des Wachstums der Heilungskirchen und Heilung im
allgemeinen festzustellen. Von den drei untersuchten Großkirchen wurde die römisch‑katholische
Kirche, die Kirche des Referenten, ausgewählt. Es war notwendig, sich auf
eine Kirche zu konzentrieren, um das Problem der Unterschiede in der Tradition
anzugehen, die die Ergebnisse beeinflussen. Natürlich wäre eine ähnliche
Studie der anderen Kirchen nötig. Neun Priester in Durban‑Pietermaritzburg
wurden ausgesucht. Alle arbeiten in der Erzdiözese Durban. Bei der Auswahl
wurde auf einen repräsentativen Schnitt von Alter, kultureller Herkunft und
Arbeitsbedingungen geachtet.
4.3.1 Meinungen und Ansichten in
den Interviews
Jedem der neun Priester
wurden neun Fragen gestellt. Hier wird nur eine kurze Zusammenfassung der
Interviews wiedergegeben. Die folgenden sind die wichtigsten Ansichten, die
aus den Interviews hervorgehen.
a) Das Bedürfnis nach Heilung
Alle gaben an, daß es zu
diesem Zeitpunkt in Südafrika ein Bedürfnis nach einer besonderen Art der
Heilung gab. Man hatte das Gefühl, daß die Bevölkerung von der Apartheid
verletzt worden war. Es bestand das Bedürfnis, die Vergangenheit aufzuarbeiten.
In einigen Pfarrgemeinden waren Gemeindemitglieder bekannt, die Gewaltakte und
Morde verübt hatten. Bis jetzt wurde aber keine Möglichkeit gefunden, über
diese Ereignisse zu sprechen.
Sechs
der neun Priester waren der Ansicht, daß die Kirche in diesem Heilungsprozeß
eine wesentliche Rolle zu spielen hat, daß diese Rolle aber geplant und organisiert
werden muß und sie keine Einzelaktion einiger Priester, sondern gemeinsame
Politik sein soll. Als unbedingt erforderlich wurden in diesem Zusammenhang
Gebet und Predigten betrachtet. Ein Priester sagte: "Wenn ich über die
Morde und die Gewalt spreche, weinen die Menschen. Ich weiß, daß ich dabei das
Innerste ihres Lebens berühre. " Die Vergebung wurde ebenfalls als
wesentlicher Teil dieses Heilungsprozesses gesehen, und man war der Meinung, daß
die Kirche den Leuten zur Versöhnlichkeit verhelfen soll. Unter den schwarzen
Priestern war der Konflikt zwischen dem IFP und dem ANC ein viel wichtigeres
Thema in ihren Gemeinden als der Konflikt zwischen Schwarzen und Weißen. Den
nicht‑schwarzen Priestern waren Apartheid, Rassismus, das Leid der
Schwarzen und die Schuld der Weißen wichtiger.
b) Die allgemeine Einstellung
gegenüber den Heilungskirchen
Die Einstellung der
Priester gegenüber diesen Kirchen war bei weitem weniger negativ, als ich es
erwartet hatte. Sieben der neun Priester hatten das Gefühl, daß die
Heilungskirchen den Bedürfnissen der Bevölkerung in einer gewissen Art und
Weise doch gerecht werden. Drei gaben an, daß sie nicht genug über diese Kirchen
wissen. Als negative Aspekte dieser Kirchen wurden ihr übermäßiges Interesse
an Geld und unverhältnismäßige Konzentration auf die Emotionen bewertet, die
nur einen kurzfristigen "Rausch", aber keine wirkliche Heilung
bewirkt. Laut vier der Priester stellt dieses übermäßige Interesse an Geld
ein Problem dar, was mit dem Evangelium des Wohlstandes, der Theologie des
Betens um Reichtümer und des Bittens um Geld im Zusammenhang steht, indem man
Gott alles opfert, damit man mehr davon bekommt.
Einem Priester war es ein Anliegen, zwischen den Zionisten und den
"Kirchen der Zelte", wie er sie nannte, zu unterscheiden. Die
Zionisten, sagte er, leben mit dem Volk zusammen und kümmern sich wirklich um
seine täglichen Bedürfnisse. Die "Kirchen der Zelte" kommen in eine
Gegend, stellen ihre Zelte auf, reißen alle mit in einer Welle der Begeisterung
und verschwinden dann wieder. Er übte heftige Kritik an diesen
"Zeltkirchen" und ihren schnellen, emotionellen Lösungen, die in der
Regel den Menschen mehr schaden als helfen.
c) Die Einstellung gegenüber
der Heilungsarbeit in den Heilungskirchen
Als positiv bewerteten
sieben Priester den Umstand, daß die Heilungskirchen den Menschen helfen, sich
besser zu fühlen und Zuneigung, Freundschaft und ein Gemeinschaftsgefühl zu
erleben. Einige erwähnten, daß dies in manchen katholischen Kirchen etwas
problematisch sein kann, weil die Gemeinden so groß sind und diesem Aspekt des
Gemeinschaftsaufbaus noch zu wenig Zeit gewidmet wurde. Andererseits hatten fast
alle das Gefühl, daß die angebotene Heilung nur auf der emotionellen Ebene
stattfindet. Drei sprachen vom Aufheizen der Emotionen, und zwei beschrieben die
Heilung als "emotionelle Manipulation", die den Menschen ihre Freiheit
raubt und daher eine wahre Heilung behindert. Ein Priester, der Psychologe
ist, meinte, daß diese Kirchen nur einen "spirituellen Verband"
anbieten, wobei die Probleme in Wirklichkeit psychologischer Natur seien.
Vier beschrieben die Heilung als "kurzfristig" oder "nicht
echt". Einer sagte, daß sie nur gewöhnliche psychosomatische Mechanismen
benützen und diese in religiöse Sprüche verkleiden und daß die angebotene
Heilung nichts unbedingt Christliches an sich habe.
d) Heilung in der katholischen
Kirche
Alle betonten ausdrücklich,
daß die katholische Kirche einen wichtigen religiösen Heilungsauftrag hat. Außer
der großen Heilungsarbeit in Spitälern, Kliniken usw. orteten die Priester
drei wichtige Dimensionen der religiösen Heilung, und zwar die Sakramente,
Krankenbesuche und Anwesenheit bei den Kranken.
Die
Priester betrachten den Bereich der Sakramente als einen Heilungsauftrag, der
bei allen Gruppen immer wichtiger wird. Es habe aber einige wichtige Änderungen
in der Durchführung dieses Auftrages gegeben. Was das Sakrament der Versöhnung
betrifft, nehme die Zahl der regelmäßigen (auch wöchentlichen) Beichten ab.
Ein Priester äußerte die Meinung, daß dies einer der Gründe für die zunehmenden
emotionellen Probleme in der Bevölkerung sei. Zur gleichen Zeit haben die
Menschen ein immer stärkeres Bedürfnis, über ihre Ängste, Verletzungen und
Sorgen zu sprechen. Er hatte den Eindruck, daß dies vielleicht ein Indiz für
einen Rückgang des Schuldgefühls des Individuums sei. Das Sakrament der
Krankensalbung feiert hingegen eine Wiederauferstehung. Dieses Sakrament, das
in der Vergangenheit oft als Vorbereitung auf den Tod betrachtet wurde, wird
jetzt immer häufiger eingesetzt, um Kranken zu helfen. In früheren Jahren
wurde es fast ausschließlich einer einzelnen Person gespendet; heutzutage
findet die Krankensalbung in der Gemeinschaft immer häufiger statt.
Krankenbesuche
sind immer ein wichtiger Teil der Seelsorge gewesen. Jetzt machen auch immer
mehr Laiengruppen bei dieser Arbeit mit. In den vorwiegend schwarzen
Pfarrgemeinden sind es zum Beispiel die Frauenorden der hl. Anna, der
Herz‑Jesu‑Kongregation und des 3. Ordens des hl. Franziskus. Darüber
hinaus arbeiten kleine christliche Gemeinschaften verstärkt mit, die dem 1989
in Südafrika eingeführten Pastoralplan der katholischen Kirche entstammen.
In einigen Pfarrgemeinden gibt es Gebetskreise, Heilungsgruppen und
Lalenseelsorger mit Schwerpunkt Heilung.
Im
Rahmen des "Sakraments der Präsenz" hören die Seelsorger zu, wenn
die Leute über ihre Probleme reden, beraten sie, spenden ihnen Trost, geben
ihnen spirituelle Ratschläge, beten und sind einfach für sie da. Alle Priester
waren sich einig, daß diese Aufgabe unbedingt erforderlich ist. Drei von den
schwarzen Priestern werden regelmäßig aufgesucht, um böse Geister aus
Wohnungen zu vertreiben. Die "lästigen Geister" sind ein häufiges
Problem, das die Priester bei Bedarf bekämpfen.
e) Neue Arten der Heilung
Auf die Frage, ob sie die Suche nach neuen Arten der Heilungsarbeit als Herausforderung sehen, sagten fünf der neun Priester, daß in der katholischen Kirche neue Arten der Heilungsarbeit gesucht werden sollen. Einer sagte, daß es reichen würde, die herkömmliche Seelsorge wirkungsvoller durchzuführen. Nur zwei waren der Ansicht, daß nichts geändert werden muß. Einer war sich nicht sicher.
Die
fünf, die neue Arten der Heilungsarbeit suchen wollten, hielten es für wichtig,
Gebetskreise in den Pfarrgemeinden zu fördern und so auszubilden, daß sie für
die Menschen und um ihre Bedürfnisse beten können. Die kleinen christlichen
Gemeinschaften und die Laienorganisationen eignen sich am besten als Rahmen für
die Förderung dieser Gruppen. Ein Vorbehalt war die Gefahr von Eliten und
Rivalitäten in solchen Gruppen. In den Anfangsphasen müsse also sehr darauf
geachtet werden, daß die Gruppen immer dem Hl. Geist und nicht den eigenen
Stimmen folgen. Dafür wäre eine sachgemäße Ausbildung und Auswahl der Mitglieder
erforderlich.
Vier
Priester machten den Vorschlag, Heilungsgottesdienste auf der Pfarrebene häufiger
abzuhalten, damit die Gemeindemitglieder dort hinkommen und für sie gebetet
wird. Drei Priester hatten schon einen solchen Gottesdienst erlebt und ihn für
vorteilhaft befunden.
f) Ausgleich und Ausbildung
Zum Thema neue Arten der
Heilungsarbeit hoben die meisten Priester zwei wichtige Aspekte hervor, nämlich
"Ausgleich" und "(Aus‑)Bildung".
Der
Ausgleich soll der Gefahr der Übertreibung, der übermäßigen Gefühlsbetontheit
und dem Aberglauben entgegenwirken, die alle die wahre Heilung erschweren und
häufig Eigenschaften von Menschen sind, die eine religiöse Heilung suchen. Die
Überbetonung der Emotionen in der Religion (supra) ist eine der Eigenschaften
der Heilungskirchen, die am heftigsten kritisiert werden. Andererseits meinten
einige Priester, daß es für manche Katholiken durchaus von Vorteil wäre, wenn
sie die Wichtigkeit der Emotion bei religiösen Erlebnissen erkennen würden. Es
besteht aber immer die Gefahr, daß diese Dimension überbetont wird.
Katholische Gottesdienste sind besonders in schwarzen Gemeinden sehr bewegende
Ereignisse. Ein Priester erwähnte in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit des
Singens.
Die
Sorgen wegen böser Geister, Unglücks und der Rolle des Hl. Geistes ist wichtig,
aber wenn zu spirituell vorgegangen wird (gemeint ist hier spirituell im anthropologischen
Sinn und nicht im biblischen Sinn, wie er besonders in den Paulusbriefen zu
finden ist), kann es problematisch werden und zu Aberglaube und mangelnder
Bereitschaft führen, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.
Verantwortung
für das eigene Leben übernehmen führt direkt zum zweiten Aspekt, den die
Priester betonen, nämlich die "(Aus‑)Bildung". Sechs der
Priester machten sich Sorgen, daß Katholiken weder über die eigene katholische
Tradition bezüglich Heilung noch über die wahre Natur der wirklichen
christlichen Heilung genug wissen.
In
diesem Zusammenhang hielten sie ein Predigt‑ und Bildungsprogramm für
wichtig. Vier Priester sprachen vom Bedürfnis nach mehr Katechese zum Thema
Heilung. Ein schwarzer Priester mittleren Alters beschwerte sich, daß sein
Theologiestudium keine Hilfe ist, wenn er Fragen über Heilung beantworten muß.
Die jüngeren Priester hingegen erkennen die vielen verschiedenen Dimensionen
von Krankheit und Heilung und tun sich deswegen wesentlich leichter. Die
Offenheit der jüngeren Priester gegenüber den Stärken und Schwächen der Heilungskirchen
und ihre Bereitschaft, einige der Praktiken und Werte dieser Kirchen in die
eigene Seelsorge aufzunehmen, ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen.
4.3.2 Einige allgemeine Schlußfolgerungen
aus den Interviews
Die jüngeren und die
schwarzen Priester scheinen viel mehr über die Heilungskirchen und ihre
Arbeit zu wissen. Sie haben sowohl mehr persönliche Erfahrungen davon als auch
Erfahrungen in der eigenen Seelsorge in der katholischen Kirche gesammelt. Sie
erkennen viel leichter, daß die Heilungskirchen von vielen Katholiken besucht
werden, und sind, paradoxerweise, toleranter und über die Grenzen der von
diesen Kirchen angebotenen Heilung besser informiert. Sehr wenige von ihnen
betrachten die Heilungskirchen als Drohung, während einige erkennen, daß es
Werte und Praktiken in den Heilungskirchen gibt, die sie in die eigene Seelsorge
aufnehmen sollten. Im allgemeinen sind sich die Priester des Bedürfnisses nach
Heilung auf allen Ebenen der südafrikanischen Gesellschaft bewußt.
5. Theologische Reflexion
5. 1. Inkulturation
Das Modell der
Inkulturation (das der Referent in einem anderen Referat erarbeitet hat) sagt
voraus, daß es während der Entstehung einer lokalen Kirche einen Moment der
Umwandlung gibt, wenn die lokale Kirche sich der lokalen Kultur und
Weltanschauung öffnet und daran teilnimmt (Bate 1995, 245). Danach folgt eine
Zeit der eindeutigen Inkulturation, im Zuge dessen "mehr Werte aus der
lokalen Gemeinschaft in die Seelsorge aufgenommen werden. Neue Arbeitsmethoden
werden adaptiert, obwohl gewisse Spannungen in den Beziehungen zur
universellen Kirche noch vorhanden sind" (S. 245).
Wir
behaupten, daß die Ergebnisse unserer Umfrage im Lichte dieses Modells
interpretiert werden können und Indizien für Inkulturation bei der Entstehung
der lokalen Kirche in Südafrika sind.
Unsere
Kultur sagt alles über unsere Menschlichkeit aus. Unsere Gesellschaft und
unsere Kirche bestehen aus Menschen. Es sind Menschen, die einem beliebigen
Kontext Bedeutung verleihen. Folglich bilden wir Menschen das Bindeglied zwischen
Gott und seiner Schöpfung. Dies ist die Bedeutung der Christus‑Erfahrung.
Es ist anzunehmen, daß der Kontext und die Kirche sich gegenseitig beeinflussen
und daß die Kultur zwischen den beiden als Bindeglied steht. In einem anderen
Referat habe ich ein Modell zur Erläuterung dieser Wechselwirkung erarbeitet.
Dieses Modell sagt voraus, daß die Arbeit der Kirche sowohl vom Kontext als
auch von der lokalen Kultur beeinflußt wird, egal ob dieser Einfluß anerkannt
wird oder nicht. Die dauerhaften Antworten der Seelsorge werden also
kulturbedingt sein.
Man
kann die Änderungen, die im heutigen Südafrika im Gange sind, als eine
Umwandlung von einer kranken Gesellschaft der Apartheid in eine Gesellschaft mit
einem menschlicheren Gesicht beschreiben. Der kranken Gesellschaft sind die
Heflungsaktivitäten entsprungen, die hauptsächlich in den Heilungskirchen,
aber immer öfter auch in den Großkirchen zu finden sind. Wegen der Trägheit,
die aus ihrer langen Tradition resultiert, haben sich die Großkirchen langsamer
umgestellt. Unsere Studie hat aber gezeigt, daß man diese Tradition nicht als
Monolith bezeichnen kann. Auch sie ändert sich und findet Antworten auf den
Kontext und die Kultur, was bei gewissen Karikaturen von Kirchen (und anderen
Institutionen) oft nicht erkannt wird. Es herrschen noch Vorurteile, aber die
Situation ist in Bewegung, und zwar mehr, als manchmal angenommen wird.
Die
Betonung auf Kultur als Parameter, aus dem Theologie und Seelsorge sich
entwickeln können, ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Trend. Dies ist
aber keine neue Erkenntnis: Das "Prager Jesulein", eine Figur des
Christkindes, das seit dem 17. Jahrhundert in einer Prager Kirche steht und
zahlreiche Wunder bewirkt haben soll, ist ein Musterbeispiel der Inkulturation.
Neu und daher in diesem Kontext jetzt zu berücksichtigen ist, daß man sich
dieser Tatsache bewußt geworden ist. Deswegen sind kulturelle Fragen momentan
so wichtig. Es erklärt auch, warum die interviewten katholischen Priester sich
viel mehr für die kulturellen Dimensionen der Seelsorge interessieren als früher
und warum die jüngeren Priester, die mit der modernen westlichen Kultur (der
schriftlichen Kultur des Rationalismus, Empirismus, wissenschaftlicher
Methodik, Individualismus usw., die zunehmend einer gemeinschaftlichen,
audiovisuellen Kultur weicht, die der ebenfalls gemeinschaftlichen und mündlichen
Kultur Afrikas mehr ähnelt) weniger zu tun haben wollen, Arten der Heilung in
anderen Kirchen offener sind, die sie auch in die eigene Seelsorge einbauen.
Gleichzeitig
zeigen uns unsere Ergebnisse, daß dies keine vorbehaltlose Übernahme von
Werten ist. Die Seelsorger der Großkirchen zeigten sowohl in der Umfrage als
auch im Interview, daß sie wissen, welche Werte anzunehmen und weiche
abzulehnen sind. Dies ist ein Indiz für den Moment der Umwandlung und ein
wesentlicher Teil der Inkulturation.
Die
Heilungskirchen können auch von diesem Prozeß etwas lernen. Die Seelsorger
der Großkirchen bringen ihre Werte und ihre Tradition ein, damit sie feststellen
können, welche Aspekte wertvoll sind. Daraus entsteht eine neue Synthese, die
die Heilungskirchen vorantreiben könnte. In dieser Weise wird die Kirche als
Ganze unter der Führung des H. Geistes vorangetrieben, und die lokale Kirche
entsteht.
5.2 Ansätze zu einer neuen Heilungspraxis
5.2.1 Der Einfluß der
Heilungskirchen
In diesem Referat haben
wir gesehen, welchen Einfluß die Arbeit der Heilungskirchen und der neue südafrikanische
Kontext auf die Arbeitsmethoden und Ansichten der Seelsorge in den Großkirchen
gehabt haben. Zusammengefaßt äußern sich diese Änderungen in einem
gesteigerten Bewußtsein für den Bedarf an religiöser Heilung in Südafrika
und im zunehmenden Gebrauch von Heilungsmessen, Gebetskreisen, Gebeten um
Heilung sowie Predigten und Aufklärung über Heilung.
Seelsorger
in den Großkirchen sind über die Heilungskirchen informiert, und viele von
ihnen erkennen, daß sie sehr wohl den pastoralen Bedürfnissen der Bevölkerung
entsprechen und vielen Menschen helfen. Sie stellen manchmal eine Herausforderung
für die konservativeren Formen der Seelsorge in den Großkirchen
dar, die Wörter und
Zeichen betonen, aber nicht immer auf die emotionellen Bedürfnisse der
Menschen ausreichend eingehen.
Man ist der allgemeinen Meinung, daß die von den Heilungskirchen angebotene
Heilung auf der emotionellen Ebene stattfindet und daß dies die Symbofik der
großen Kirchen herausfordert, auch auf dieser Ebene der Emotionen zu
kommunizieren. Eine zweite Herausforderung wäre der Aufbau von Gemeinden, wo
die Gläubigen mehr Freundschaft und Zuwendung erleben, was zur Zeit besonders
der katholischen Kirche mit ihren großen Gemeinden schwerfällt: Drei der
neun interviewten Priester betreuen mehr als 6.000 Gemeindemitglieder, und vier
andere zwischen 3.000 und 6.000. Als Antwort auf diese Herausforderung werden
Gebetskreise, Heilungsgruppen und kleine christliche Gemeinschaften gebildet.
5.2.2 Die Herausforderungen für
die Heilungskirchen
Während eine emotionelle
Umwandlung Menschen helfen kann, sich besser zu fühlen, ist diese Art der
Heilung oft nur vorübergehend und oberflächlich und muß regelmäßig
wiederholt werden, was zu Abhängigkeit und Freiheitsverlust führen kann.
Kritik an den Heilungskirchen ist auch in anderen Bereichen geübt worden: Das
übermäßige Interesse an Geld und Wohlstand in einigen Kirchen; mangelndes
soziales Engagement; ein "spiritueller Verband" als Hilfe bei
psychologischen Problemen; emotionelle Manipulation, die zu Abhängigkeit und
Freiheitsverlust führen kann; vorübergehende Lösungen, die regelmäßig
wiederholt werden müssen und so zu Abhängigkeit statt zu innerer Freiheit führen
können.
Dieses sind Bereiche, wo die Kirche als Ganze ihre Heilungsarbeit in Frage
stellen muß, urn dann ganzheitliche Heilung anbieten zu können.
6. Schlußbemerkungen
6. 1 Die Funktion des Heilungsprozesses in der Gesellschaft
Das Phänomen der Heilung
hat einige wichtige Funktionen in der Gesellschaft. Die Seelsorge entspricht den
Bedürfnissen der Menschen auf einer einfachen und leicht zugänglichen Ebene.
Viele Menschen erfahren Heilung durch die Arbeit der Heilungskirchen, obwohl
diese Heilung von anderen Heilem (besonders von Ärzten) angezweifelt wird.
Besonders in den Unabhängigen Afrikanischen Kirchen und den Neopfingstkirchen spielt
die Heilung eine wichtige Rolle bei der Wiederherstellung von zerrütteten
Beziehungen. Die Krankheit eines
Menschen wirkt sich auf eine ganze Gruppe aus: auf die Familie, Freunde, andere
Mitglieder der Kirche usw. Folglich ist die Heilung des einzelnen zugleich die
Heilung der ganzen Gruppe. Die Zionisten oder die Neopfingstkirche werden also
bei jeder Heilung zur Gemeinschaft der "Geretteten", der
"Geheilten" oder der "Gereinigten".
6.2 Die Heilungskirchen als Institutionen der Resozialisierung
Man kann die
Heilungskirchen auch als Institutionen sehen, die eine soziale Umgebung
innerhalb eines leicht verständlichen, simplen Kulturrahmens darstellen, die
die Menschen "resozialisieren", indem sie ihnen helfen,
"zurechtzukommen". Sie stellen eine Zuflucht für diejenigen dar, die
sich in der Komplexität des modernen Lebens nicht zurechtfinden können oder
wollen. Diese Kirchen sind also Subkulturen innerhalb der vorherrschenden
Kultur, die ihren Mitgliedern einen akzeptablen Lebensraum anbieten. Während
ihrer Zeit in dieser Subkultur werden die Menschen wiederaufgebaut, damit sie
sich nachher gereinigt, geschützt und resozialisiert im Chaos der Welt
zurechtfinden können.
6.3 Der Bedarf an religiöser Heilung in unseren Kirchen
In unseren Kirchen
herrscht ein dringender Bedarf an dieser Art von Heilung, die auch nicht im
Widerspruch zur sozialen und pastoralen Seelsorge der Kirche zu stehen scheint.
Zweifellos muß die Seelsorge sich um die Gläubigen kümmern und kreativere
Arten des Gebets für Kranke finden. Wir dürfen auch das Bedürfnis nach
Achtung nicht außer acht lassen. Wir müssen uns auch der Bedeutung der Heilung
beim Aufbau einer geordneten, moralischen Gesellschaft bewußt sein.
Im
allgemeinen können wir sagen, daß wir die Ursachen der Krankheit besser
verstehen und mehr darüber lernen müssen, wie außerhalb der Schulmedizin, die
in den letzten Jahren in der Kirche so dominant war, geheilt wird. In dieser
Weise werden wir vielleicht auch der Heilung näherkommen, die im Evangelium
angeboten wird. In diesem Bereich ist schon ziemlich viel im südlichen
afrikanischen Kontext gemacht worden, und einige Werke sind erschienen.
6.4 Heilung und die universelle Kirche
Heilung ist ein
wesentlicher Teil der kirchlichen Mission, genauso wie sie ein wesentlicher
Teil der Sendung Christi war. Der im 10. Kapitel des Matthäusevangefiums
geschilderte Sendungsauftrag wird oft durch die Schilderung des kirchlichen Missionsverständnisses
im 28. Kapitel überschattet. Der Auftrag, zu heilen und Dämonen
auszutreiben, ist ein wesentlicher Teil des Sendungsauftrages, und dieser Auftrag
muß Teil der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche sein, weil
Mission Teil der Natur der Kirche ist.
Zur
Zeit scheint der Heilungsauftrag nur am Rande der Kirche Gewicht zu haben, in
den vielen einzelnen Kirchen, die voneinander getrennt sind und dadurch das
Gegenteil der Einheit der Kirche bezeugen. Durch mehr Offenheit und Dialog
stellt der Auftrag eine Herausforderung für diese Einheit dar. Wenn wir den
Heilungsauftrag so verstehen, wie er in diesem Referat präsentiert wird,
bildet er einen Teil des gesamten Heilungsauftrages der ganzen Kirche Gottes.
Südafrika
ist ein Mikrokosmos der ganzen Welt, wo man das Bedürfnis nach Heilung an der
steigenden Zahl aller möglichen Arten von Heilungsbewegungen und Kirchen sieht.
Einige davon bekennen sich zum Christenturn, andere nicht. Dieser Versuch, den
Charakter und die Notwendigkeit der Heilungsarbeit in Südafrika darzulegen,
hat hoffentlich auch zu einem tieferen Verständnis dieses Auftrages, seines
Wertes und seiner Grenzen im globalen Kontext geführt. Ganz klar zu sehen ist
das wachsende Bewußtsein auf nationaler und internationaler Ebene für die
Notwendigkeit, diese wesentliche Dimension der kirchlichen Mission
wiederzubeleben für alle Menschen, zu denen die Apostel gesandt werden.
Zitierte
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Übersetzung aus dem Englischen: Neil Perkins.